Playlist mit Mixed Styles





Interview mit Robin Hirte





Wir von ClubTime.FM freuen uns, dass du dir die Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten! Starten wir gleich mit der ersten Frage: Wie bist du eigentlich auf die Musik und auf die Szene gekommen?
Ich hab damals im Jugendhaus Stuttgart-Vaihingen angefangen mit zwölf Jahren aufzulegen. Dann war ich Resident im Roxy, also im heutigen Toy, das war damals ein Laden, in dem gemischte Musik lief. Im Sommer '93 war dann der „Sommer des Trance“, da hat mich dann erstmal die Musik geflasht. Da muss ich auch dazu sagen, das hatte auch mit Bewusstseinserweiterung zu tun. Eine Zeit lang war ich dann auch gar kein Techno-DJ, sondern hab aufgelegt in normalen Läden.
Im Jahr '94 hab ich dann gehört, dass im Skylab in Frickenhausen ein Resident DJ gebraucht wird. Ich war ja eigentlich Resident im Roxy und noch so ein paar anderen Läden. Dort hab ich dann alles aufgelegt, aber kein Techno. Das war so im Jahr '91 bis '92, da lief da einfach noch kein Techno, im OZ in Stuttgart damals auch noch nicht. Viel viel später ging es dann auch mal los, dass da ein Zafarano gespielt hat. Der Chef vom OZ hat dann damals das Proton gebaut, das hieß damals noch Zenit, damit bin ich dann wieder nach Stuttgart reingekommen und war dort dann Resident, erst immer Samstags, dann irgendwann auch noch den Freitag dazu. Und früher war das noch anders, du warst in dem Laden Resident, das heißt du hast jede Woche am Samstag dort aufgelegt. Das mit den ganzen Gast-DJs kam dann erst später. Wie oft ich heute als Resident, zum Beispiel im Lehmann Club in Stuttgart, spiele, hängt von der Planung ab, je nach dem was noch dabei ist, ob CLR oder welcher Veranstalter. Früher war es eben so, die Leute wussten, am Samstag legt der Robin auf, da kommt der Sound. Da war dann mal dieser Club hip, dann wieder ein anderer, und so bin ich in Stuttgart durch die Clubs gezogen. Dann war ich mal Resident im Paris Club, dann wieder im OZ, dann war ich im Toy, und auch im heutigen Kellerclub war ich, den haben wir damals umgebaut, dann hieß es Ohm, ein Kumpel hat sich dann damals den Namen „Earl of Ohm“ für mich ausgedacht (lacht).

Welche Entwicklungen hast du aus deiner Perspektive beobachtet, die entscheidend für die Szene waren?
Ich bin seit '93 in der Technoszene dabei, und heute sieht man manchmal immernoch Leute, die damals vor 20 Jahren schon dabei waren.
Letztens erst hab ich wieder eine kennen gelernt, und sie meinte auch zu mir: Techno, also die Bewegung Techno und allgemein die elektronische Musik ist eigentlich mit nichts zu vergleichen. Also gut, es gibt noch Hip Hop, aber nichts hat die Zeit so geprägt wie Techno oder allgemein elektronische Musik. Nur wenn wir mal die Love Parade nehmen, 1,5 Millionen Menschen aus der ganzen Welt kommen nach Berlin und feiern und es gab da kaum Alarm. Geh mal in 'nen Hip Hop Laden, da guckst du die eine da drüben einmal kurz schräg an, dann wirst du schon angemuckt. Sowas gibt es bei Techno einfach nicht.
Natürlich ist das ganze inzwischen medientechnisch groß und auch eine ganze Wirtschaftsmacht.
Wenn ich sehe was da an Festivals gemacht wird, letztens ein Festival mit Väth und Tiesto als Headliner, hallo? Da haben sich irgendwelche Geschäftsleute gedacht, „hey, das hören die Leute doch, lass mal gucken wen es da so gibt. Ja, Tiesto hab ich schon mal gehört und Sven Väth auch, die packen wir da alle rein.“ Väth hat dort also auch nur das Opening gespielt, der hatte da wohl überhaupt keinen Bock drauf, weil er ja auf Ibiza ist.
Letztendlich waren also 15.000 Leute da, gebraucht hätten sie 30.000, die haben da, glaube ich, massiv draufgelegt. Also so finde ich, kann man das einfach nicht machen. Du brauchst da Leute, die das mit Herzblut machen und sich in der Szene einfach auskennen, dann klappt das auch. Weil Väth und Tiesto, das passt einfach nicht, und wenn Sven Väth das Opening spielt, passt da erst recht irgendetwas nicht.




Wie beeinflusst dich Musik beim Auflegen, Produzieren und auch im täglichen Leben?
Also Musik IST das Leben, ohne würde es ja gar nicht gehen. Es beeinflusst mich also in jedem Moment meines Lebens, ich bin da auch nicht so engstirnig zu sagen ich höre nur Techno. Ich höre also auch oft Radio, in der Hoffnung, mal was neues zu hören. Also nicht die Sender, bei denen ich weiß, da läuft Rihanna acht Stunden am Tag in Dauerschleife. Das muss auch irgendwie eine Verschwörung sein, kaum hat die eine neue Nummer, spielt die jeder Sender in Rotation fünf mal in der Stunde. Dann kann man die Nummer schon nach einem Tag nicht mehr hören. Auf anderen Sendern hör ich dann aber auch mal Nummern wo ich mir denke ey, das ist 'ne geile Nummer und schau dann eben, es ist Freitag, 18:30 Uhr, ich sitz' im Auto. Hinterher geh ich dann eben auf die Homepage und guck nach wie die Nummer hieß und kauf sie mir dann. Was mich nicht beeinflusst, sind Sets von anderen DJs, das habe ich gar keine Zeit dafür.
Ich mag auch diese Kategorisierung nicht. „Oh, der spielt Tech House, nee“, „Oh, der spielt nur Deep House, nee“, „Oh, der spielt nur Techno, das ist ja doof“. Das ist doch einfach Schwachsinn. Da spiel ich halt so, wie es gerade reinpasst in den Laden und wenn die Stimmung passt. Aber zu sagen „ich spiele Minimal“ oder „ich spiele Tech House“, egal welche Aussage, ist einfach scheiße. Ich spiel' einfach meinen Sound, ihr könnt drauf tanzen, fragt nicht. Wenn mich Leute manchmal fragen was ich spiele, sag ich immer Volksmusik. Dumme Frage, dumme Antwort. Hör's dir an, wenn's dir gefällt bleibst du drin, wenn nicht gehst du halt nach einer halben Stunde.
So 1993, -94 gab es diese Kategorisierung noch gar nicht. Da konnte es also sein, dass Trance lief, damals auf 160 BPM, kann man heute nicht mehr anhören, der Laden hat gebrüllt. Und danach lief irgendwas mit Breakbeat, das war einfach geil. Und dann hinterher irgendeine heftige Acid-Nummer, das geht ja heute schon fast gar nicht mehr. Weil heute stehen dann gleich diese „Kategorisierungsdenker“ neben der Tanzfläche und sagen „ja halt mal, das ist jetzt aber keine 4/4-Bassdrum, ich will hier kein Breakbeat.“ Das finde ich irgendwie albern, aber das ist dann wohl dieser „Fluch des Fortschritts“. Das ist also dieses Schubladendenken und das „ich-geh-nur-zu-einem-Star“-Denken.
Das gab's früher gar nicht. Da ist man in den Club gegangen, weil da sind alle hingegangen und da war die Musik geil. Heute hat man teilweise auch einfach ein Überangebot, an einem Freitagabend spielt dann Carl Cox im Lehmann, Koze im Rocker und Koletzki im Romy S., da muss man sich dann echt überlegen, wo man hingeht. Früher wusste man: in diesem Laden läuft der Sound, in jenem läuft der. Da hat es überhaupt keine Rolle gespielt, wer da auflegt. Heute heißt es „hier ist dieser Headliner da“ und dann sagen die Leute „ja, also von den vier Djs finde ich zwei cool, die anderen zwei nicht, also geh ich da nicht hin“. Dabei spielen die Residents meistens eh den coolsten Sound, weil die wissen, was die Leute hören wollen. Das war damals schon so, als ich im Zenit aufgelegt habe. Da kam Mark Spoon, Gott habe ihn selig, und er hat einen Stuss zusammengespielt. Normal waren Freitags 700 bis 800 Leute gut, an dem Abend waren es 1.800, die einen horrenden Eintritt gezahlt haben, um ihn zu hören. Er hat zwei Platten gespielt, dann saßen alle wieder in der Ecke, also das war irrwitzig.
Heute ist dann auch jeder Fachmann für alles, „ja, also das Set vom Liebing hat mir ja nicht so gut gefallen, da fand ich das auf der Time Warp besser“ wo ich mir dann auch denke: „ihr kennt euch ja alle super aus!“
Ich bin froh, dass es trotzdem noch so viele Leute gibt, die auf Technopartys gehen. Weil wenn da nur noch Hip Hop oder so laufen würde, dann wäre ja gar nichts mehr los. Und so können sich eben auch in Stuttgart einige Läden über Wasser halten. Es gibt niemanden, der sagt „Techno zieht nicht mehr, ich muss mein Programm ändern“. Das finde ich cool, dass es da immer Leute gibt, die das durchziehen.
Als DJ bist du nichts weiter als Teil des Personals. Der DJ ist nicht der Star da oben, das denken viel zu viele Djs. Und vor allem denken es auch viel zu viele Leute, die sehen den DJ und denken „Boah, so will ich auch werden“. Aber darum geht es doch gar nicht.



Was kannst du zum Status Quo in der Stuttgarter Clubszene sagen?

Fangen wir beim Toy an. Da ist es ja nicht so, dass einer bei der Stadt sitzt und sagt, es werden jetzt alle Technoclubs zugemacht. So wird es halt nach außen gebracht. „Oh, die wollen die Clubkultur zerstören“, aber so ist es nicht. Es gibt auch ja noch andere Clubs. Es ist einfach so, dass das Toy oft aufgefallen ist. Das hat damit zu tun, dass das Toy zu Uhrzeiten geöffnet hatte, zu denen andere Clubs nicht geöffnet haben.
In einer Samstagnacht zwischen 23:00 Uhr und 6:00 Uhr. In der Zeit fährt die Polizei unentwegt raus. Entweder zu dem Club, oder zu diesem Bistro oder zu der Dönerbude, was weiß ich. Aber ab Sonntagmorgen ab 10:00 Uhr, wenn nur noch das Toy offen hat, fährt die Polizei, wenn sie rausfährt, nur noch wegen dem Toy raus. Und damit fällt das Toy eben öfter auf als andere Läden, und das über Jahre. Einmal wurde mittwochs einer beim Schwarzfahren erwischt. Der wird dann durchsucht, es wird eine Pille gefunden. Und was sagt er? „Diese Pille wurde mir am Sonntag im Toy von einer unbekannten Person geschenkt“. Und wieder gibt es bei der Polizei eine Akte auf dem großen Stapel, auf der „Toy“ steht. Morgens um 11:00 Uhr kommt einer besoffen von der After Hour, torkelt die Königsstraße runter und fängt am Hauptbahnhof Stress an. Das hat überhaupt nichts mit dem Toy zu tun. Aber was sagt er zu den Polizisten? „Wo waren Sie denn?“ „Ja ich war im Toy“. Nächste Akte. Und so häufen sich da die Akten über Jahre, sodass irgendwas gemacht werden musste. Die Stadt hat also im Januar die Sperrzeitverkürzung, die das Toy beantragt hat, nicht ausgestellt. Im April dann haben die Sonntags Razzia gemacht.
Um dem Amt gegenüber zu zeigen „wir haben es kapiert, dass ihr keine After Hour mehr wollt“ und um dem Stress gegenüber dem Amt damit den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat das Toy dann von sich aus gesagt, dass es die After Hour stoppt, um eben dem Amt entgegenzukommen. In der Hoffnung, dass das Amt das OK gibt und das Toy wieder die Sperrzeitverkürzung bekommt. Dann muss man zumindest an Freitagen, wenn normal Techno läuft, nicht schon um 5:00 Uhr zumachen. Das ist der Tod für Techno, weil vor 3:00 Uhr geht keiner in' Club.
Alle denken „oh Gott, in drei Monaten gibt’s keine Clubs mehr“. So ist es nicht, es hängt einfach damit zusammen, dass das Toy jetzt diesen Schritt gemacht hat in der Hoffnung, das Amt zu „beruhigen“ und dann wieder die Sperrzeitverkürzung zu bekommen.
Andere Clubs gibt es ja auch noch, die auch After Hour machen. Natürlich gibt es zum Beispiel beim Rocker33 die Angst, dass morgen der Brief kommt und sie aus dem Filmhaus raus müssen, weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde. Aber das war von Anfang an klar, da sitzt keiner bei der Stadt der sagt „so, jetzt machen wir mal alle Clubs in Stuttgart zu“.

Du released sowohl auf Vinyl als auch digital. Hast du eine bestimmt Vorliebe oder gibst du beiden Formaten ihre „Chance“?
Also die Burner kommen schon auf Vinyl. Nicht alles, was ich produziere, press ich auch auf Vinyl. Auf meinem Label „Truth Traxx“ muss ich mich ja auch mit den anderen absprechen, also da gibt es nur die Bonbons. Weil wenn ich 300 Platten pressen lasse, müssen auch 300 verkauft werden. Wirtschaftlich gesehen ist Vinyl ein Witz, es ist eher eine Null-Null-Rechnung.
Für MP3s kann man zwar auch Promo machen, das gibt es aber keinen Garant dafür, dass der Track gut weggeht und man im besten Fall ein Feature bei beatport bekommt.
Meiner neue Nummer hab ich als MP3 auf „Das Ohr Digital“, meinem ersten Label, releast. Das habe ich auf Facebook gestellt, mit Link und so weiter. Man muss immer mal wieder was neues probieren, also hab ich das jeden Tag geschrieben, dass die jetzt releast ist. Nichtmal im Promopool habe ich den hochgeladen. Trotzdem ist das Ding in den letzten Tagen durch die Decke gegangen.
Allgemein geht bei Vinyl echt wieder was, weil viele einfach keinen Bock mehr auf Laptop-Auflegen haben, da geht’s dann „back to the roots“. Ich persönlich kann mir das nicht vorstellen, weil mit dem Laptop und Controller kann man einfach ein bisschen mehr machen, eine laufende Platte kann man nicht loopen.

Vervollständige für uns bitte folgende Sätze:
Mein Lieblingstrack ist...

...ähm, immer der letzte, den ich produziert habe (lacht)

Meine Musiksammlung umfasst...
Alles, was geil ist. Und groovt (lacht). Gut, dass du das gerade so fragst, da gehören nämlich auch Charts dazu, die ich im Radio gehört und mir dann auf iTunes gekauft habe. Da bekommt man ab und zu auch neue Ideen, auch im Technobereich. Ich würde sowas nie nachspielen, aber einfach mal was, was ich in eigene Tracks einbauen könnte.

Vielen Dank, Robin, dass Du Dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten!


...auf Soundcloud  
...auf Beatport  
...auf deejay.de Grafik: whitenite
Am 14.07.2013 um 18:00 Uhr von whitenite


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  #1   Blue Moon 14.07.2013 20:02   
Netter durcher Junge. NUr biem letzten Punkt kann ich nciht zustimmen. Sicher kann man digital mehr machen. Aber wenn ich in nem Club bin und vier DJs am legen sind, und alle klingen vom Mixing her gleich, dann ist das keine Frage der technischen Möglichkeiten, sondern eher eine Frage des Könnens der DJs an sich. Für mich ist nicht interessant, was man digital alles machen kann, sondern was der DJ tatsächlich macht. Aber das hab ich heute nacht zur Genüge gemerkt, ich bin inzwischen zu anspruchsvoll für dieses lieblose und seelenlose 0815 Standardisierte Mixing. Da knall ich mir lieber den Automix rein und hör mir die Musik einfach so an, im Club sollte das Mixing dann doch schon etwas anspruchsvoller sein als zum Beispiel im Radio....denn das zeichnet einen DJ schließlich aus.




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